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"Desire" als innerer Kompass – Teil 1: Der Rahmen

  • 4. Feb.
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Was wäre, wenn unsere Wünsche und Bedürfnisse uns mit den tiefsten Prinzipien und Werten des Kosmos verbinden könnten?

Was wäre, wenn wir die Fähigkeit hätten, unsere "Desires"[1] so zu klären, dass sie, ähnlich wie ein Kompass, wenn er "eingenordet" ist, immer nach Norden zeigt, nicht nur in Richtung unserer eigenen inneren Erfüllung zeigen, sondern auch ganz natürlich auf das höchstmögliche Wahre, Gute und Schöne für alle?

Was wäre, wenn Desire unser Kompass wäre und echter kosmischer und intrinsischer Wert unser Nordstern?



Im Center for World Philosophy and Religion (zusammen mit dem deutschsprachigen Arm des Centers (in Vorbereitung) arbeiten wir genau daran, Wert (Value) als etwas zu formulieren, was real, intrinsisch, kosmisch und sowohl ewig als auch in ständiger Evolution befindlich ist.[2]

Hier ein kurzer Ausschnitt eines mündlichen Teaching von Dr. Marc Gafni als Hintergrund – unten geht der Hauptstrang weiter:

The world of culture of Homo sapiens won’t go on forever. We have crossed planetary boundaries, both physically, in the exterior and in the interior — the planetary boundary of dissolution of interiors, where we are left without anchors.

We are left without North Stars.

We are left without direction.

We are left without a Field of Value, without a field of meaning. …

We have lost Ariadne’s thread. We went to slay the Minotaur, as Theseus did in the great myth. We created the industrial revolution. We created the scientific method, but then we got lost in the labyrinth, and we lost our relationship to Eros — Ariadne and her thread — which would lead us out of the labyrinth.

That’s the tragedy of this moment. We’ve lost the storyline. …

But it is not just a lost storyline. A particular dimension of the storyline can be twisted, distorted, or is just read out of the story. What was read out of the story was Value itself — that actually we are following a North Star, and that North Star is value. We are going somewhere. There is a set of First Principles and First Values that are the plotlines of the story, and that story actually lives inside of us.

We recognize that story. We know that story because it actually lives in us. And that story itself is one of the core values of Cosmos.

In the First Principles and First Values book, we talk about nineteen First Principles and First Values of Cosmos. I really invite everyone to read it, as a core background text … to our revolutionary, subversive undertaking.

What we’re trying to do is reanimate the plotline.

We are trying to get the thread back.

We are trying to find our North Star.

Die kulturelle Welt des Homo sapiens wird nicht ewig bestehen bleiben. Wir haben die planetaren Grenzen überschritten, sowohl äußerlich wie innerlich – die planetaren Grenze der Auflösung des Inneren, wo wir ohne Fixpunkt zurückbleiben.

Wir bleiben ohne Nordstern zurück.

Wir haben unsere Richtung verloren.

Wir bleiben ohne Feld von Wert (Field of Value) zurück, ohne Feld von Sinn und Bedeutung (field of meaning). …

Wir haben Ariadnes Faden verloren. Wir sind losgezogen, um den Minotaurus zu töten, wie Theseus es in dem großen Mythos getan hat. Wir haben die industrielle Revolution ins Leben gerufen. Wir haben die wissenschaftliche Methode entwickelt, aber dann haben wir uns im Labyrinth verirrt und unsere Beziehung zu Eros verloren – Ariadne und ihren Faden – die uns aus dem Labyrinth herausgeführt hätte.

Das ist die Tragödie des Augenblicks. Wir haben den Faden der Geschichte verloren. ...

Aber es ist nicht nur ein verlorener Handlungsstrang. Eine bestimmte Dimension der Handlung kann verdreht, verzerrt oder einfach aus der Geschichte herausgelesen werden. Was aus der Geschichte herausgelesen wurde, war Value selbst (Value = Wert im Sinne des EINEN Feldes von Wert, das unter und jenseits von allen Werten liegt) – das Verständnis, dass wir tatsächlich einem Nordstern folgen und dass dieser Nordstern Value ist. Wir sind auf dem Weg zu etwas hin. Es gibt eine Reihe von fundamentalen Urprinzipien und Urwerten, die die Handlungsstänge der Geschichte bilden, und diese Geschichte lebt tatsächlich in uns.

Wir erkennen diese Geschichte wieder. Wir kennen diese Geschichte, weil sie tatsächlich in uns lebt. Und Geschichte (Story) ist selbst einer der Kernwerte des Kosmos.

In unserem Buch „First Principles and First Values” sprechen wir über neunzehn Urprinzipien und Urwerte des Kosmos. Ich lade wirklich jeden ein, es zu lesen, als zentralen Hintergrundtext ... zu unserem revolutionären, subversiven Unterfangen.

Was wir hier versuchen, ist, den Handlungsstrang wiederzubeleben.

Wir versuchen, den Faden wieder aufzunehmen.

Wir versuchen, unseren Nordstern zu finden.

Diesen Faden unserer Geschichte, den inneren Nordstern, gilt es in allen Bereichen unseres Lebens (wieder) zu finden. Das gilt sowohl in unserem persönlichen Leben, als auch in der Gestaltung unserer kollektiven Systeme, Strukturen und Kulturen. Im letzteren unterscheiden wir auch gern zwischen Infrastruktur, Sozialstruktur und Superstruktur (wobei die Superstruktur das ist, was wir im Center ins Zentrum unserer Überlegungen rücken):

  • SUPERSTRUKTUR beinhaltet Sets von Weltanschauungen, Grammatiken, Ideen, Philosophien, Einsichten, Stories, Weisheit, Prinzipien und Werten, die eine Gesellschaft mit Leben füllen.

  • SOZIALSTRUKTUR beinhaltet die Übereinkünfte, Rechtssysteme, Verträge, Geschäftsmodelle und Regelstrukturen einer Gesellschaft.

  • INFRASTRUKTUR beinhaltet die physisch gebauten Umgebungen und Technologien, die für die materiellen Bedürfnisse sorgen, die von Sozialstruktur und Superstruktur benötigt werden.

In dieser Artikel-Reihe möchte ich diesen Nordstern (von Value) und unseren inneren Kompass (Desire) in unserem ganz persönlichen Leben betrachten und näher untersuchen.

Dabei ist es zunächst einmal wichtig zu verstehen, dass Desires keine Ziele sind. Wenn wir uns selbst fragen, was wir uns wünschen, so formulieren wir oft eine Reihe von Zielen oder zukünftigen Zuständen oder Umständen, von denen wir keine Ahnung haben, wie wir sie je erreichen wollen. Und oft führt der Weg dahin durch ein eher karges Gelände, in dem wir unsere echten Bedürfnisse und Desires im Augenblick ignorieren müssen, um dann irgendwann einen Zustand der Erfüllung zu erreichen. Das ist bereits etwas, das uns in die Erschöpfung oder gar in den Burnout treiben kann, da uns auf dem Weg zu unseren Zielen gewissermaßen der Brennstoff ausgeht.

Echtes Desire ist hingegen etwas, das im Moment stattfindet. Es ist etwas, das wir uns entweder selbst im Hier und Jetzt erfüllen können – oder etwas, um das wir jemand anderen bitten können. Es ist konkret und spezifisch. Und wenn wir der Wunsch im Hier und Jetzt erfüllt ist, so spüren wir eine direkte körperliche, emotionale und geistige Erfüllung.

Indem wir zuerst unser eigenes Gefäß füllen, beginnt es dann ganz von selbst überzufließen, und wir beginnen aus der Fülle heraus zu geben. Denn auch Geben ist ein authentisches Bedürfnis oder Desire.

Zu erkennen, dass Desire selbst ein kosmischer Wert ist, den wir nicht nur in uns selbst finden können, sondern auch im gesamten Kosmos die gesamte Evolutionskette rauf und runter, ist dabei ein erster notwendiger Schritt.[3] Erst dann können wir unser eigenes Desire gewissermaßen aus der "Schmuddelecke" der kollektiven Scham befreien und stattdessen unsere Würde (und die Würde unserer Desires) wiederfinden.

Doch dann gilt es, in unserem eigenen Leben, unser Desire immer tiefer zu klären. Dabei treffen wir einige wesentliche Unterscheidungen:

  1. Die Unterscheidung zwischen Eros und Pseudo-Eros, authentischem Desire und Pseudo-Desire. Echter Eros ist immer Ausdruck einer größeren Lebenskraft, eines Feldes von Desire, das uns nährt, während Pseudo-Eros versucht, die Leere abzudecken, die durch die Entfremdlung von Eros entsteht. Eros führt zu echter Erfüllung, während uns Pseudo-Eros immer leer hinterlässt und uns daher in die Sucht treibt. Wir „brauchen“ und „verlangen“ immer mehr von dem, was uns nicht wirklich erfüllt.[4]

  2. Die Unterscheidung zwischen unserem echten Desire und dem unbewussten Ausagieren all unserer unvollendeten Angelegenheiten, z.B. mit unseren Eltern, oder den Erwartungen der Kultur als Ganzem.[5] Sowohl die Anpassung als auch die Rebellion gegen diese kulturellen oder familiären Werte und Erwartungen lassen uns hier nicht frei. Erst wenn wir beides überwinden, können wir überhaupt unsere authentischen Bedürfnisse und Desires wahrnehmen und verfolgen.

  3. Die Unterscheidung zwischen dem inneren Getriebensein aus den familiären und kulturellen Erwartungen heraus und der tiefen Sehnsucht, seine eigenen psychologischen Grenzen zu überschreiten, indem wir da, wo wir uns herausgefordert fühlen, wachsen und uns weiterentwickeln, ohne uns dabei zu überfordern. Dieses Wachstum fordert uns heraus, immer tiefere und kraftvollere Zustände von Desire in uns zu halten, aber auch dieses Desire durch immer umfassenderen Bewusstseinsebenen zu interpretieren. Gleichzeitig erlaubt es uns, uns zunächst selbst zu füllen, bevor wir etwas von uns geben, aber auch unser eigenes Tempo zu wählen.[6]

Ein Bewusstseinszustand bezieht sich dabei auf einen vorübergehenden Zustand, sei es ein momentanes Gefühl, wie Freude oder Wut oder Trauer, ein durch Übung herbeigeführter Zustand der Erleuchtung oder ein durch LSD oder Pflanzenmedizin herbeigeführter veränderter Zustand.

Eine Ebene hingegen ist eine stabile Bewusstseinsstruktur – manchmal auch als Entwicklungsstufe bezeichnet – die als eine Art Prisma funktioniert, durch das wir die Realität verstehen und uns in ihr zurechtfinden.

Ein Beispiel für die Entwicklung solcher Bewusstseinsstrukturen könnte die Entwicklung von egozentrischer zu ethnozentrischer zu weltzentrischer zu kosmozentrischer Intimität und Identität sein. Auf jeder dieser Ebenen drückt sich der Zustand des Desires unterschiedlich aus, weil er durch das Prisma einer neuen Bewusstseinsebene gebrochen wird. Bei egozentrischer Intimität beschränkt sich das Desire auf uns selbst und den engen Kreis von Menschen (meist Familie oder Freunde), die uns egozentrische Sicherheit und Befriedigung geben. Mit jeder neuen Bewusstseinsebene erweitert sich unser Kreis der Intimität, bis sie schließlich alle und alles einbezieht.

Im nächsten Teil dieser Serie werden wir uns ein paar persönliche Beispiele etwas näher anschauen, die vermutlich die meisten von uns auf die eine oder andere Weise kennen.

Fußnoten

[1] Ich nutze hier das englische Wort „Desire“, weil es sich nicht einfach ins Deutsche übertragen lässt. Grundsätzlich ist eine Übersetzung nie das Übersetzen einzelner Wörter. Stattdessen übersetzen wir immer von einem Sprachfeld in ein anderes hinein. Das Wort „Desire“ kann sowohl mit „Begehren“ oder „Verlangen“ übersetzt werden (mit erotischer oder gar sexueller Konnotation), als auch mit „Wunsch“. Wenn Barbara Marx Hubbard z.B., mit der ich die Ehre hatte in ihren letzten Lebensjahren eng zusammenzuarbeiten, von „deepest heart’s desire“ sprach, so kann man das wohl am besten mit „tiefstem Herzenswunsch“ übersetzen. Das Wort „Desire“ kann in unterschiedlichen Kontexten etwas unterschiedliches bedeuten, und doch schwingen die anderen Bedeutungen immer mit. Wir haben im Deutschen kein Wort, bei dem all diese Bedeutungen mitschwingen. Daher nutze ich hier das englische Wort.

[2] Wichtige Anmerkung: Meine hier dargelegten Sichtweisen sind zutiefst geprägt durch mein Studium und meine Zusammenarbeit (u.a. als Lektorin und Rechercheurin) mit Dr. Marc Gafni, von dem auch viele der genannten Begriffe stammen. Hier schreibe ich u.a. darüber, wie ich diese Konzepte in meinem Leben anwende und wie meine Praxis damit immer wieder mein Leben transformiert, als auch über gesellschaftliche Anwendungen dieser Unterscheidungen. Für einen ersten Eindruck der Philosophie, siehe z.B. unsere kurze Definition von CosmoErotic Humanism und die Einführung zu unserem Buch First Principles & First Values: Zweiundvierzig Propositionen zu kosmo-erotischem Humanismus, der Meta-Krise und der Welt von Morgen in einer ersten Übersetzung. Für eine vorläufige Liste der First Principles & First Values und die Unterscheidung zwischen Wert und Anti-Wert, siehe diese englischsprachigen Buchauszüge: It Is Possible to Make a Partial List of First Principles and First Values of Cosmos und Value & Anti-Value—Eros, Story, & You.

[3] Das ist der Schritt, der im Zentrum unserer Arbeit im Center for World Philosophy and Religion steht.

“Desire” als kosmischen Wert definieren wir im CosmoErotic Humanism folgendermaßen:

Eine erste Annäherung auf Deutsch:

Desire drückt sich lokal im gegenwärtigen Moment als Erfahrung des Ge- oder Berufenseins zu möglichem zukünftigen Wert aus. Wert verstehen wir hier als eine einzigartige Verkörperung des universellen Feldes von Wert. Dabei wird dieser Wert durch verschiedene Bewusstseinsebenen reflektiert oder (wie Licht durch ein Prisma) gebrochen.

[4] Beispiele für Pseudo-Eros wären allerlei Hyperstimulanzien: konzentrierter Zucker anstelle von der natürlichen Süße von Obst und manchen Gemüsen (aber auch anstelle der echten „Süße des Lebens“), die Pseudo-Aufmerksamkeit durch Likes, Shares und Kommentare auf Social Media oder die ständige Präsenz von KI, anstelle der echten Aufmerksamkeit eines echten menschlichen Gegenübers.

[5] Bei Frauen wird letzteres oft als „Good Girl Conditioning“ bezeichnet. Oder aber es ist das äußere Ideal von „Erfolg“, das sich auf eine ganz bestimmte Art zeigt (z.B. als Statusobjekte, wie etwa mein Haus, mein Auto, meine Familie, etc.) oder aber das Ideal einer romantischen Beziehung, die uns all unsere Bedürfnisse nach Intimität, Nähe und Liebe erfüllen soll und dabei unter der Last der gegenseitigen Erwartungen zusammenbricht.

[6] Letzteres ist sehr verschieden von der generellen Vermeidung aller Herausforderungen (und den manchmal damit einhergehenden Wachstumsschmerzen) und dem Bestehen darauf, dass es immer angenehm, bequem oder sanft sein muss.

 
 
 

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