Vielleicht fehlt nicht mehr Impact – sondern mehr Eros: Desire als Kompass Teil 2
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Du engagierst dich. Du denkst groß. Du willst eine Welt, die für alle funktioniert. Und trotzdem gibt es diese leise, schwer zu benennende Leere. Nicht immer. Aber oft genug.
Du hast Meetings, Strategien, Kampagnen, Förderanträge. Du sprichst über regenerative Wirtschaft, persönliche oder systemische Transformation, neue Narrative. Du bist Teil von Netzwerken, Bewegungen, Initiativen. Du bewegst etwas. Und doch fragst du dich manchmal – vielleicht spätabends, wenn der Laptop endlich zu ist:
Bin ich vielleicht nur dabei, die Stühle auf der Titanic zu verrücken, während der Eisberg unaufhaltsam – für die meisten unsichtbar – weiter auf uns zukommt?
Und: Warum fühlt sich mein Engagement nicht so lebendig und erfüllt an, wie ich es mir erträumt habe?

Vielleicht fehlt nicht mehr Impact.
Vielleicht fehlt mehr Eros.
[Und wenn Du jetzt zusammenzuckst, ob dieses Wortes, das in unserer Kultur so missverstanden und mit so viel Angst und Scham behaftet ist, lies bitte weiter. Im viert-nächsten Absatz von hier, kommt eine Definition von Eros, die deine Vorstellungen auf den Kopf stellen wird.]
Doch jetzt erstmal weiter:
Mir ist es selbst auch immer wieder so ergangen. Ich war erfüllt von Visionen, Ideen, Projekten, strategischen Überlegungen – ich war pausenlos busy, habe unentwegt gearbeitet – und zugleich fühlte ich mich innerlich merkwürdig leer, wie ein ausgetrockneter Sumpf. Nach außen wirksam, nach innen rastlos. Ich habe gemerkt: Weder mehr tun, noch mehr Impact konnten dieses Gefühl lösen. Mehr Anerkennung auch nicht.
Erst durch das Zusammenspiel von ganz viel persönlicher Transformation und meiner intensiven Beschäftigung mit dem CosmoErotic Humanism und seinen First Principles & First Values begann sich langsam etwas zu verschieben.
In der Changemaker-Szene sprechen wir viel über Impact (= Wirkung). Impact ist messbar, sichtbar, legitimierend. Er ist wichtig. Aber Impact allein nährt nicht. Du kannst Projekte skalieren, Organisationen aufbauen, Diskurse prägen – du kannst Anerkennung bekommen von dir wichtigen Personen – und dich dennoch von deiner eigenen Lebendigkeit abgeschnitten fühlen. Ich selbst habe lange geglaubt, das nächste Tool der Transformation, der nächste innere Prozess oder wenn es mir endlich gelänge, meine 1.001 Visionen in die Tat umzusetzen, würde ich mich endlich erfüllt und glücklich fühlen. Doch was mir fehlte, war nicht noch ein Hebel im Außen und nicht noch eine neue Methode der Selbstoptimierung. Es war die Erfahrung von wirklicher Tiefe im Innen und einem Handeln aus dieser inneren Tiefe heraus im Außen.
Im CosmoErotic Humanism wird Eros nicht als sentimentale Kategorie verstanden, die in erster Linie mit Sex und romantischen Beziehungen zu tun hat, sondern als ontologische (d.h. reale) kosmische Kraft.
Eros wird dort definiert als
„die Erfahrung von radikaler Lebendigkeit , die nach immer tieferem Kontakt und einer immer größer werdenden Ganzheit strebt (sich danach sehnt, es begehrt, dorthin wächst, es verwirklicht) – eine Ganzheit, die selbst ein neuer Wert ist.“
Eros ist die Bewegung des Kosmos hin zu mehr Tiefe, Verbundenheit und Ganzheit – und damit zu immer neuer Emergenz. Und es gab Eros schon seit vielen Milliarden Jahren, bevor es Sex (als ein Ausdruck von Eros) gab.
Desire wird im CosmoErotic Humanism beschrieben als
„eine sich lokal und im gegenwärtigen Moment ausdrückende Erfahrung des Rufs nach einem möglichen zukünftigen Wert. Dieser zukünftige Wert wird durch das eine universelle Feld von Wert vermittelt, von dem jeder authentische Wert ein einzigartiger Ausdruck ist, eine einzigartige Identität, die [wie Licht durch ein Prisma] durch verschiedene Bewusstseinsebenen hindurch gebrochen wird.“
[Diese und weitere Definitionen finden sich in unserem Buch: Temple, David J., First Principles and First Values: Forty-Two Propositions on CosmoErotic Humanism, the Meta-Crisis, and the World to Come, World Philosophy and Religion Press, second edition, March 2025. David J. Temple ist ein Pseudonym, das für die weiterführende kollektive Autorenschaft am Center for World Philosophy and Religion kreiert wurde. Die zwei Haupt-Autoren, die sich hinter David J. Temple verbergen sind Marc Gafni und Zak Stein. Für verschiedene Projekte werden weitere spezifischen Autoren als Teil der Kollaboration benannt. In diesem Band tut sich Ken Wilber mit Dr. Gafni und Dr. Stein zusammen.]
Ich weiß, diese (und die anderen) Definitionen (und Gleichungen des CosmoErotic Humanism) sind zunächst schwer zu erfassen. Doch wenn ich sie wirklich an mich heranlasse, so wird mir klar: Meine Sehnsucht (mein Desire) ist kein Störfaktor. Sie ist Ausdruck derselben Kraft, die den gesamten Kosmos und auch meine Arbeit antreibt. Aber selbst mit all meinem Wissen hatte ich versucht, Eros auf Effektivität zu reduzieren. Ich hatte meine Sehnsucht in Output übersetzt – ein Ergebnis, das es zu erreichen gilt – statt sie als Quelle zu ehren.
Im CosmoErotic Humanism unterscheiden wir dabei zwischen Pseudo-Bedürfnissen und authentischen Bedürfnissen – sowie Pseudo-Wünschen und tiefsten Herzenswünschen. Pseudo-Bedürfnissen zu folgen gibt uns einen kurzfristigen Dopamin-Hit, der vorgibt uns zu nähren.
Vielleicht kennst du das:
Du bist erschöpft, greifst zum Handy, scrollst, isst etwas Süßes, schaust „nur schnell eine Folge“. Kurzzeitig fühlt es sich nach Entlastung an, aber nicht nach echter Nahrung. Man ist schnell „voll“, aber innerlich immer leerer.
Unsere authentischen Bedürfnisse und geklärten Desires (unsere tiefsten Herzenswünsche) hingegen verbinden uns mit unserer Tiefe. Sie weiten uns, statt uns zu betäuben. Sie bringen uns mit unserer Lebendigkeit und Liebe in Kontakt.
All das brachte mich auf den Weg, meine eigenen Desires und Bedürfnisse zu klären. Das beginnt mit der Unterscheidung oben. Und die lässt sich oft am ehesten am Nachgeschmack erkennen:
War es echte Nahrung oder Pseudo-Nahrung?
Hochwertiges Essen oder Fast Food?
Ein tiefes nährendes Gespräch oder Small Talk, der ablenkt?
Wirkliche Aufmerksamkeit oder nur ein schneller Dopamin-Hit durch ein Like oder ein oberflächiger Kommentar?
Im Augenblick ist das manchmal schwer zu erkennen. Und doch kann ich mir schon im Moment vorstellen, wie der Nachgeschmack sein wird.
Doch die Klärung geht noch weiter. Nicht jede Sehnsucht ist gleich klar. Desire durchläuft eine Entwicklung.
Es kann egozentrisch sein – auf mein unmittelbares Wohl und meine Sicherheit fokussiert.
Es kann ethnozentrisch werden – orientiert an „meiner“ Gruppe, meinem Team, meiner Bewegung.
Es kann zu weltzentrisch reifen – ausgerichtet auf das Wohl aller Menschen.
Und es kann kosmozentrisch werden – getragen von der Liebe zum Ganzen des Lebens, allen fühlenden Wesen, sowie des Planeten oder gar des Kosmos selbst.
Wichtig ist: Jede dieser Ebenen schließt die vorherige ein und übersteigt sie. Kosmozentrisches Desire löscht meine persönlichen Bedürfnisse nicht aus. Es integriert sie in einen größeren Zusammenhang. Ich sorge weiterhin für meinen Körper, meine Freude, meine Regeneration – aber nicht isoliert, sondern als Teil eines größeren Feldes von Verantwortung und Liebe, das mich nährt, während ich ihm diene.
Das war für mich eine entscheidende Befreiung. Ich musste meine Sehnsucht nicht mehr gegen mein Engagement ausspielen. Ich musste nicht wählen zwischen Selbstfürsorge und Weltverantwortung – oder zwischen Power und Liebe. Ich konnte beginnen zu verstehen, dass mein authentisches Desire selbst ein Beitrag ist. Dass meine Lebendigkeit nicht im Widerspruch zu meiner Mission steht, sondern deren tiefere Quelle ist.
Viele Changemaker – vielleicht auch du – haben eine feine Wahrnehmung für die Bedürfnisse anderer. Doch wir haben oft verlernt, die eigenen ernst zu nehmen. Wir fürchten, egoistisch zu sein. Oder irrelevant. Aber ein unterdrücktes Desire verschwindet nicht. Es sucht sich Umwege. Es wird zu Rastlosigkeit, zu Reizbarkeit, zu subtiler Erschöpfung. Oder es entlädt sich in (pseudo-erotischen) Kompensationen.
CosmoErotic Humanism lädt zu einer radikalen Ehrlichkeit ein:
Welche meiner Aktivitäten sind wirklich Ausdruck meines tiefsten Desires?
Und welche sind Versuche, meinen eigenen Wert zu beweisen oder meine innere Leere zu vermeiden?
Diese Fragen sind nicht moralisch gemeint. Sie sind würdevoll gemeint. (Im CosmoErotic Humanism sprechen wir auch von der Würde unserer echten Desires.) Denn sie nehmen unsere Innenwelt ernst als Teil des evolutionären Prozesses.
Ich habe für mich erkannt: Wenn ich nicht in Kontakt mit meinem Eros bin, beginne ich, Kontrolle über Kreativität zu stellen. Ich werde härter, enger, weniger spielerisch. Wenn ich hingegen aus einem geklärten Desire handle, verändert sich meine Qualität von Führung – und hier spreche ich nicht unbedingt von einer formalen Rolle. Ich werde klarer in meinen Ja‘s und konsequenter in meinen Nein‘s. Ich wähle weniger Projekte – aber tiefere. Ich suche Zusammenarbeit, statt alles allein machen zu wollen. Und paradoxerweise steigt damit meine eigene Wirksamkeit. Es braucht 1.000 Nein‘s für ein kraftvolles Ja.
Mir wurde klar, dass regenerative Systeme nur von regenerierten Menschen getragen werden können. Wenn wir dauerhaft über unsere eigenen Grenzen gehen, wird unser Aktivismus unbewusst vom gleichen extraktiven Muster geprägt sein, das wir eigentlich transformieren wollen.
Mehr Eros heißt nicht weniger Verantwortung.
Ja, die Welt brennt.
Und genau deshalb können wir uns keine ausgebrannten Changemaker leisten.
Mehr Eros bedeutet nicht, sich zurückzuziehen.
Es bedeutet, aus einer tieferen Quelle zu handeln. Es bedeutet, Nein sagen zu können – nicht aus Trotz, sondern aus Klarheit. Es bedeutet, Projekte loszulassen, die nicht wirklich unsere sind. Es bedeutet, uns für echte Gemeinschaft zu öffnen statt nur für funktionale Netzwerke.
Eros ist nicht weich.
Eros ist präzise.
Eros führt uns nicht in die Bequemlichkeit, sondern in die Wahrhaftigkeit.
Eros bedeutet, Verantwortung aus einer tieferen Quelle zu übernehmen.
Eros bedeutet, den eigenen einzigartigen Ruf (unsere Berufung) zu hören und ernst zu nehmen:
Was ist wirklich meins zu tun in diesem Augenblick von Meta-Krise?
Und mit wem arbeite ich zusammen, mit dem gleichen Ziel, der gleichen Ausrichtung, aber mit unterschiedlichen Gaben und Schwerpunkten?
Ich schreibe das nicht als jemand, die es „geschafft“ hat. Ich schreibe es als jemand, die immer wieder übt. Die immer wieder merkt, wie leicht es ist, in Aktivismus oder Busyness ohne Eros zu rutschen – oder in die pseudo-erotische Kompensationen des Alltags. Und die immer wieder erfährt, wie kraftvoll es ist, innezuhalten und sich zu fragen: Entspringt das, was ich gerade tue, meinem geklärten und umfassendsten Desire? (Und die sich immer wieder selbst vergibt, wenn es das gerade nicht tut, und die den nächsten Moment als neue Chance umarmt.)
Stell dir vor, du würdest deine Desires nicht mehr misstrauisch beäugen, sondern kultivieren und klären.
Stell dir vor, dein Engagement würde nicht aus innerem oder äußerem Druck entstehen, sondern aus überfließender Lebendigkeit.
Stell dir vor, Gemeinschaft wäre nicht nur Mittel zum Zweck, sondern echte Nahrung.
Was würde sich verändern?
Vielleicht beginnt die nächste Phase deines Wirkens nicht mit einem neuen Projekt, der nächsten Strategie, und nicht einmal mit mehr Reichweite oder Geld. Vielleicht ist deine nächste Wachstumsstufe nicht horizontal – mehr Projekte, mehr Kooperationen, mehr Output – sondern vertikal: Mehr Tiefe, mehr Integration und mehr ehrliche Begegnung mit deiner tiefsten Sehnsucht. Vielleicht fehlt dir eine Rückbindung an die kosmische Kraft, die dich ursprünglich inspiriert hat. Vielleicht fehlt dir nicht mehr Impact, sondern mehr Eros.
Vielleicht ist unsere gemeinsame Revolution eine Evolution der Liebe. Und vielleicht beginnt diese Revolution nicht im nächsten Strategie-Meeting, sondern in dem Moment, in dem du dir erlaubst, deiner eigenen Lebendigkeit und tiefsten Herzenssehnsucht zu vertrauen.




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