Jenseits der Polarisierung
- 1. Feb.
- 8 Min. Lesezeit
Nachdem mich neulich eine Freundin darauf angesprochen hat, dass sie mitunter irritiert ist von den Inhalten, die sie mich auf Social Media liken sieht, ist mir klar geworden, dass es hier möglicherweise einer Klarstellung bedarf.
Die Frage, die sich auftat, war die Frage: Wie können wir dazu beitragen, dass sich die bestehende gesellschaftliche Polarisierung auflöst und wir dabei gleichzeitig klar Stellung beziehen – indem wir für das Gute, Wahre und Schöne einstehen und gegen die Kräfte der Polarisierung und Nicht-Liebe[1]?

Die zunehmende Polarisierung in unserer Gesellschaft stellt meines Erachtens eines der ernstzunehmendsten Probleme der derzeitigen Meta-Krise[2] dar. Ohne diese Polarisierung zu überwinden, wird es uns aus meiner Sicht nicht möglich sein, die existenziellen Probleme zu lösen, mit denen wir es derzeit global zu tun haben. Statt die dafür notwendigen Gespräche in der Mitte der Gesellschaft zu führen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, verlagern wir sie immer weiter an die extremen Ränder, die dadurch immer mehr Zulauf bekommen. Ein Teufelskreis.
Wir leben natürlich in einer Welt der Dualität, in der es immer unterschiedliche Pole geben wird, die es auch zu unterscheiden gilt, ohne sie jedoch abzuspalten. Doch letztendlich sind diese Pole immer „an der Hüfte verbunden.“[3] Es gibt keinen Tag ohne Nacht, kein Licht ohne Dunkelheit, keine Freiheit ohne Beschränkungen, keine Autonomie ohne Kommunion und kein Leben ohne Tod. Wo immer wir einen Werte-Pol nehmen und ihn verabsolutieren (d.h. ihn aus dieser dialektischen Spannung herauslösen und damit abspalten), wird dieser Wert gewissermaßen zum Anti-Wert.[4]
Und genau gegen diese Polariesierung und Abspaltung einzustehen, ist mir in meinem persönlichen Leben besonders wichtig. Dabei ist es natürlich wichtig, immer wieder hinzuschauen, wo ich selber Teil des Problems werde. Wo bin ich selber voreingenommen und kann daher nicht mehr alle Seiten sehen? Wie kann ich unterscheiden zwischen Fakten und Propaganda? Wo höre ich auf, neugierig zu sein, wie mein Gegenüber auf seine Sichtweise gekommen ist, und wo fange ich an, ihn oder sie als Person abzulehnen?
Ich gehe dabei davon aus, dass unsere Systeme selbst „krank“ sind, weil sie auf fehlerhaften Prinzipien aufgebaut sind. Das ist, jenseits von einzelnen Akteur*innen, die diese Systeme zu ihren Gunsten nutzen, das grundlegendere Problem. Dass es dabei soziopathischen, psychopathischen und narzistischen Einzelnen besonders leicht fällt, diese fehlerhaften Systeme zu ihrem Vorteil zu nutzen, ist Teil dieses systemischen Problems.[5]
Daher kann ich meines Erachtens durchaus ein großes Medien-Imperium generell kritisch sehen, während ich jemanden, der seine Anstellung bei diesem Imperium dazu nutzt, gute journalistische Arbeit zu machen und dem Mainstream näher zu bringen, unterstütze. Die Frage ist dann für mich immer wieder: Wie lebt dieser Mensch, an der Stelle, an der er oder sie gerade ist, seine oder ihre Integrität.
Dabei merke ich auch immer wieder, dass ich mich freue, wenn ich durch wirklich gute Inhalte durch Menschen, die wirklich gutes Sensemaking betreiben, in meinen eigenen bisherigen Ansichten herausgefordert werde.
So tauchte, nur als Beispiel, vor einiger Zeit jemand in meinem Feed auf, der sich immer wieder für ein besseres Sensemaking ausspricht. Er bietet auch Kurse an für besseres Denken (jenseits von den üblichen Trugschlüssen, die z.B. als Confirmation Bias und Straw Man Fallacy bekannt geworden sind). Und so nimmt er gerne gängige Sichtweisen auseinander und betreibt Recherche (und Faktenfindung) jenseits der Polarisierung.
Es dauerte eine Weile, bis ich dann einen Beitrag von ihm sah, in dem er sich dazu bekannte ein Trump Unterstützer zu sein. Das schockte mich zunächst, da es meine eigene Voreingenommenheit sprengte. Ich war bisher davon ausgegangen, dass alle Trump Unterstützer*innen per definitionem mehr oder weniger Dummköpfe sein müssten. Einen intelligenten Menschen zu sehen, der gutes Sensemaking betreibt und damit zu einer komplett anderen Einschätzung, auch von Trump und seiner Regierung, kommt als ich selbst, ist mindestens mal herausfordernd. Und ich merke, dass ich das gut finde.
Finde ich deswegen Trump plötzlich toll? Eher nicht. Ich halte ihn nach für vor, aus verschiedenen Gründen, für gefährlich. Doch das macht nicht alle seine Entscheidungen per se falsch. Und er hat natürlich auch einen Berater*innenstab, der vermutlich über Trumps eigene beschränkte Perspektiven hinaus sehen kann, und von dem er vielleicht auch mal etwas annimmt. (Auch wenn ich mich im Zweifel nicht darauf verlassen würde. 😊)
Zumindest hat mich das veranlasst (und tut es immer wieder), mich mit meiner eigenen Voreingenommenheit auseinanderzusetzen und in manchen Details meine Sichtweisen zu revidieren. Inzwischen gehe bei kritischen Fragen zu aktuellen Geschehnissen in den USA ganz bewusst auf seine Seite, um meine eigene erste Reaktion zu hinterfragen. Und ich merke dabei, wie das Ganze nur selten so eindeutig schwarz oder weiß ist, wie ich es ursprünglich angenommen habe.
Das ist nur eins von vielen Beispielen, die ich hier geben könnte. Ich merke immer wieder, dass es mir sogar Spaß macht, meine eigenen Blickwinkel auf diese Weise herausfordern zu lassen, um sie dann zu hinterfragen und vielleicht sogar komplett zu ändern. Dabei sind mir in manchen Bereichen ganz neue Informationen und Fakten begegnet, die ich bis dahin nicht hatte, und das hat mich dann meine eigene (bisherige) Sicht noch tiefer hinterfragen lassen. Diese Bereitschaft sich selbst in Frage immer wieder zu stellen ist, aus meiner Sicht, die einzige Möglichkeit, über die eigene Polarisierung hinauszugehen. Und erst wenn wir die überwinden, können wir das gesamtgesellschaftlich tun.
Allerdings ist es wichtig zwischen gutem Sensemaking und Propaganda (oder Extremismus) zu unterscheiden. Wenn ich mich von jeder Aussage, die ich irgendwo im Netz finde, grundsätzlich in Frage stellen ließe, dann könnte ich bald nichts anderes mehr tun.
In diesem Bemühen zu unterscheiden, verstehe ich auch immer mehr, was da konkret unter dem Begriff des „Steel Manning“ zusammengefasst wird. Statt mit sogenannten „Straw Man Arguments“, die Sichtweisen der anderen zu karrikieren und dann ins Lächerliche zu ziehen, um dann diese Karrikaturen zu entkräften (was eine gängige Wahlkampf-Praxis ist), suche ich mir beim Steel Manning die besten Vertreter*innen auf beiden Seiten des Spektrums. Und damit meine ich eben genau diejenigen, die gutes Sensemaking betreiben; und dazu gehört eben auch, dass sie sich selbst immer wieder in Frage stellen, auch mal ihre eigene Einschätzung revidieren und zugeben können, wenn sie einen Fehler gemacht haben. Indem ich dann versuche, sie zu verstehen, ihre Informationen und Fakten anzuschauen und ihre Sichtweisen so tief wie möglich zu durchdringen, kann ich selbst anfangen, mir eine fundiertere Meinung bilden.
Für das eigentliche Steel Manning ist es dann wichtig, im Gespräch die Sichtweise des anderen zunächste so gut wiederzugeben, so das er oder sie sich komplett verstanden fühlt. Erst dann ist es möglich, darauf einzugehen und vielleicht ein Gegenargument zu formulieren. Und dieses Gegenargument ist dann wahrscheinlich meistens eins, das über die jeweiligen Ursprungspositionen hinausgeht und sie auf einer umfassenderen Ebene integriert. Und das ist natürlich eine hohe Kunst, die es zu trainieren gilt.
Und natürlich gibt es auf beiden Seiten der Polarisierung Sichtweisen, die gewissermaßen zur Karrikatur ihrer selbst geworden sind. Das ist ja genau der Ausdruck der Polarisierung. Über die Polarisierung hinauszugehen heißt natürlich nicht, alle Extreme zu vereinen (also die Sichtweisen, die den jeweils anderen Pol ausschließen), sondern das tiefere Feld zu finden, das unterhalb oder jenseits der Pole liegt und in dem die verschiedenen Pole in einer paradoxen Einheit gegründet sind.
Hilfreich finde ich dafür die Unterscheidung der drei Stationen, die wir im CosmoErotic Humanism machen.[6] Hier ein paar Beispiele:
Verlieben – Entlieben (Machtkampf) – tiefe Liebe
Verschmelzung (Identifikation) – Differenzierung (Desidentifikation) – Integration (Intimität als Zwei in Eins)
Erste Einfachheit – Komplexität – Zweite Einfachheit (eine Weisheit, die die Komplexität durchdrungen hat und auf einfache Weise zusammenführt)
Prä-Tragik – Tragik – Post-Tragik
In der ersten Station ist immer alles ganz einfach. Alles ist klar. Wir sind die Guten, die anderen die Bösen. Wenn Leid da ist, wissen wir genau, warum (z.B. weil wir gesündigt haben, weil wir es karmisch in unser Leben gezogen haben, weil wir nicht positiv genug gedacht haben oder weil wir unsere therapeutische Entwicklungsarbeit nicht vollständig gemacht haben). Hier sind auch alle dogmatischen, fundamentalistischen und extremistischen Positionen angesiedelt.
In der zweiten Station bricht dann die Komplexität und Tragik des Lebens über uns hinein. Die Klarheit weicht der Unsicherheit. Wir verheddern uns in Machtkämpfen. Und alles scheint aussichtslos. Hier bleiben wir entweder in einem Endloskreislauf stecken (Und täglich grüßt das Murmeltier), wir resignieren, oder wir versuchen wieder zu Station 1 zurückzukehren – entweder mit denselben Menschen oder mit immer wieder neuen.
Das ist einer der Gründe, weshalb fundamentalistische Religionen und extremistische Parteien gerade solch einen Zulauf haben. Sie versprechen Klarheit, Zugehörigkeit und Einfachheit. Das alles wird dann noch durch die (un-)sozialen Medien befeuert, sowie durch die Tatsache, dass wir einander immer weniger in realen Räumen begegnen. Da fällt es dann leicht, die anderen (die mit der anderen Sichtweise) zu entmenschlichen und geradewegs zu dämonisieren.
Nur wenigen gelingt es (immer mal wieder) aus diesem Hin und Her zwischen Station 1 und 2 auszubrechen und zu Station 3 zu gelangen. Dies ist die Station, in der die Gegensätze zusammenkommen und als Paradoxien gehalten werden. Die zweite Einfachheit entspricht auch der Weisheit, die sich oft in ganz einfachen Sätzen mitteilen lässt.
Die Tragik weitet sich in eine post-tragische Sichtweise. Hier gibt es wieder Hoffnung – nicht durch ein Zurückkehren zur ersten Einfachheit und Klarheit, nicht durch einen 10 Schritte Plan oder eine naive Vorstellung von linearem Fortschritt, sondern durch ein Umarmen des Ganzen (mit all seiner Komplexität und Tragik und Unsicherheit, die ja real sind) und ein tiefes Erkennen, dass die Einheit unter den Polen das wirklich Wahre und zutiefst Reale ist, das aber auch einer Evolution[7] unterliegt.
Für mich persönlich fühlt sich das immer wieder nach einem „Nach Hause Kommen“ an. So, als ob ich das erste Mal in meinem Leben im Kosmos willkommen bin. Und ich sage „immer wieder“, weil, glaube ich, niemand dauerhaft in diesem Bewusstsein zuhause ist.
Wir alle sind, meines Erachtens, dazu aufgerufen, in all unseren Beziehungen, immer wieder die Arbeit zu machen, um vom Hin und Her zwischen Station 1 und 2 zu Station 3 zu gelangen.
Fußnoten
[1] Anmerkung: Meine hier dargelegten Sichtweisen sind zutiefst geprägt durch mein Studium und meine Zusammenarbeit (u.a. als Lektorin und Rechercheurin) mit Dr. Marc Gafni, von dem auch viele der genannten Begriffe stammen. Hier schreibe ich u.a. darüber, wie ich diese Konzepte in meinem Leben anwende und wie meine Praxis damit immer wieder mein Leben transformiert. Siehe z.B. Dr. Marc Gafni, From Polarization to Paradox: Entering the Field of Value: Value Is Prior to Values, Meaning Is Prior to Meanings (One Mountain Many Paths Oral Essays Book 33). Siehe auch die weiteren Fußnoten in diesem Artikel.
[2] Unter Meta-Krise verstehen wir im CosmoErotic Humanism ein Zusammenspiel verschiedener (weltweiter) Krisen, die auf den ersten Blick unabhängig voneinander zu existieren scheinen (weshalb sie auch oft als Poly-Krise bezeichnet werden), die aber letztendlich auf eine gemeinsame Ursache zurückgeführt werden können. Diese Ursache sehen wir nicht nur auf der Ebene der Infrastruktur und Sozialstruktur, sondern vor allem im Zusammenbruch der darunter liegenden gemeinsamen weltanschaulichen Struktur (Superstruktur).
[3] In den Worten von Howard Bloom.
[4] Dieses dialektische Verhältnis zwischen den Ur-Prinzipien und Ur-Werten des Kosmos ist Teil dessen, was wir im Center for World Philosophy and Religion versuchen zu zeigen. Siehe z.B. unsere kurze Definition von CosmoErotic Humanism und die Einführung zu unserem Buch First Principles & First Values: Zweiundvierzig Propositionen zu kosmo-erotischem Humanismus, der Meta-Krise und der Welt von Morgen. Für eine vorläufige Liste der First Principles & First Values und die Unterscheidung zwischen Wert und Anti-Wert, siehe diese englischsprachigen Buchauszüge: It Is Possible to Make a Partial List of First Principles and First Values of Cosmos und Value & Anti-Value—Eros, Story, & You.
[5] Weshalb der geschätzte Anteil dieser sogenannten „dunklen Triade“ in Führungspositionen deutlich größer ist als ihr geschätzter Anteil an der Gesamtbevölkerung.
[6] Siehe z.B. Dr. Marc Gafni, She Comes in Threes: Reality's Plotlines Are the Three Stations of Eros: Trialectics Are the Structure of Cosmos (One Mountain Many Paths Oral Essays Book).
[7] Und Evolution ist nie linear. Sie meandert. Fortschritte können wieder verloren gehen. Und es gibt immer wieder nicht-lineare Sprünge (Emergenzen). Am ehesten lässt sich diese Bewegung als Spirale beschreiben. Da gibt es lange Phasen des Kreisens und dann plötzlich das Auftauchen einer neuen Ebene. Siehe auch, z.B., The Erotic Cosmos of Lines, Circles, and Spirals: From Gender Crisis to Unique Gender: Hieros Gamos and Evolutionary Relationships (Eros Mystery School - Oral Essays).




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