top of page

Die Klärung von Desire: Begehren, Wünsche, Ziele, Grenzen, Pflicht und Verpflichtung

  • vor 3 Stunden
  • 9 Min. Lesezeit

Zwischen Eros und Pseudo-Eros: Fehler in die richtige Richtung machen statt Perfektionismus


Foto von Kristina Tahel Amelong (Thank you, Kristina, that I may use your gorgeous images.)
Foto von Kristina Tahel Amelong (Thank you, Kristina, that I may use your gorgeous images.)

Nachdem ich neulich, in einer neuartigen Social Media Platform (ohne Werbung und ohn Algorithmen) meinen Post "Vielleicht fehlt nicht mehr Impact – sondern mehr Eros: Desire als Kompass" gepostet hatte, ergab sich ein tiefgreifendes Gespräch in den Kommentaren, bei denen sich das Thema noch weiter geklärt hat:

Desire oder Ziele?

Wenn man Menschen - oder sich selbst - nach den eigenen Desires oder Wünschen fragt, so antworten sie (wir) oft mit Zielen. Da gibt es Wünsche nach einem neuen Partner, nach einem Auto oder mehr Geld. Und oft wissen wir nicht einmal, wie wir dahin kommen sollen, weshalb wir es dann nicht als Ziele bezeichnen, sondern "nur" als Wünsche.

Aber das ist nicht das, was hier gemeint ist. ErosDesire ist etwas anderes.

Und die Sexualität ist (im besten Fall) tatsächlich ein gutes Modell dafür. (Im Center sagen wir immer: Sex ist ein Modell für Eros, aber Sex erschöpft Eros nicht. Es gab Milliarden von Jahren von Eros, bevor es Sex gab. Es geht darum, erotisch zu leben in allen Bereichen des Lebens.) Was also können wir von der Sexualität über Eros lernen?

Zum einen, dass Desire selbst lustvoll ist. Es geht nicht darum, möglichst schnell zur Erfüllung (oder zum Orgasmus) zu kommen. Das wäre (auf Dauer) eher langweilig.

Zum anderen, dass Desire sich auf diesen Moment bezieht. Es ist etwas, das ich mir entweder selbst erfüllen kann oder worum ich jemand anderen bitten kann.

Und zum dritten: Geben und Nehmen (und Empfangen) sind nicht wirklich zu trennen. Beides ist genussvoll.

Und wie ich im Blogpost geschrieben habe, so entwickelt sich Desire (Eros) von egozentrisch zu kosmozentrisch, aber wir lassen das egozentrische eben nie hinter uns.

Es ist immer gut, das eigene Gefäß zu füllen, bevor wir die Welt retten wollen. Und das ist auch nicht egoistisch. (Man denke einfach mal an die Anweisung im Flugzeug, zuerst die eigene Maske anzulegen und dann jemand anderem zu helfen. Wenn wir alle in Ohnmacht fallen, bevor wir den Schwächeren helfen, so ist damit keinem gedient.)

Und die Erfahrung zeigt, dass unsere Gefäße gar nicht so groß sind. Und wenn sie gefüllt sind, so beginnen sie überzufließen. Und dann beginnen wir aus unserem eigenen Überfluss und Strahlen zu geben.

Das ist die Basis. Und wie gesagt, ist Geben genauso selig wie Nehmen. Das heißt, echte Verbindung nährt eigentlich immer. (Die Mystiker nennen das auch "das Geheimnis des Kusses" - man kann keinen nehmen oder einen zu geben.)

Und dann, aber wirklich erst DANN, kommt noch dazu, dass ich, wenn ich wirklich tue, was meins ist - das, was die gesamte Realität von mir braucht - dann auch von der ganzen Realität genährt werde.

Desire oder Pflicht? Eros oder Pseudo-Eros?

Woran merkst du ganz konkret im Alltag, dass du aus Desire handelst und nicht aus Pflicht? Gibt es kleine Signale, Körperempfindungen, Stimmungen, an denen du das festmachst?

Für mich fühlt es sich nach Freude an. Und ich spüre eine Fülle in meinem Herzbereich. Da ist Lebendigkeit und ein Fließen. Wenn ich jetzt noch tiefer in meinen Körper hineinspüre, so wird das alles noch intensiver. Und ich denke, das ist kein Zufall, dass wir das Eros nenne. Genauso fühlt es sich an.

Und das lässt sich auch nicht faken. Natürlich ist es auch irgendwo ein Ideal, jetzt immer darin sein zu wollen. Doch sobald das in Druck umschlägt, spürt es sich eben auch nach Druck an. Das Fließen und die Lebendigkeit gehen weg...

Gleichzeitig merke ich, dass es da noch eine Art Paradox gibt, das ich Dir nicht verschweigen will. Dem zu folgen, was wirklich meins ist, heißt nicht, dass alles nur noch nett und einfach und bequem ist.

Da gibt es einige Unterscheidungen (wieder aus dem CosmoErotic Humanism), die wichtig sind:

Zum ersten: Genuss ist nicht das Gegenteil von Schmerz. Bequemlichkeit ist es. Wenn ich Schmerz vermeide, lande ich in der Bequemlichkeit, nicht im Genuss. Oder ich werde, wie Pink Floyd schon sagte, "Comfortably numb." Um zu wirklichem Genuss zu kommen, muss ich manchmal durch den Schmerz gehen - oder die Angst oder die Scham oder die Anstrengung. Es ist jedenfalls oft nicht bequem. Nun ist es natürlich völlig okay, ab und zu mal die Bequemlichkeit zu suchen. Es wird mich nur nicht in wirklichen Genuss, Lebendigkeit und Eros führen.

Zum zweiten - und das hängt mit dem ersten zusammen: Dem zu folgen, was wirklich meins ist, heißt NICHT, nur noch das zu tun, was Spaß macht und alles andere liegen zu lassen. Dem eigenen Desire zu folgen heißt auch nicht nur nach dem Lustprinzip zu handeln. Und es heißt auch nicht, alles zu tun, was mir gerade in den Sinn kommt, wozu ich die Vision habe und was ich vielleicht sogar gut kann.

Lass es mich persönlich machen: Ich bin jemand, die jeden Tag fünf neue Visionen haben kann. Aber ich kann sie nicht alle umsetzen. Und ich sollte das auch gar nicht tun... Das ist etwas, das für mich gar nicht so einfach war wirklich zu begreifen.

Habe ich eine Verpflichtung?

Was heißt es also, dass etwas wirklich meins ist zu tun? Wo habe ich vielleicht sogar die Verpflichtung etwas zu tun?

Stell Dir vor, Du wärst auf einer einsamen Insel mit jemandem gestrandet, den Du nicht besonders magst und der Dich langsam in den Wahnsinn treibt. Nun hat er sich verletzt und kann nicht selber essen. Bist Du dann verpflichtet ihn zu füttern?

Früher hätten die Menschen das ganz selbstverständlich mit Ja beantwortet. Heutzutage (in der Postmoderne) tun wir uns oft schwer mit dem Begriff der Verpflichtung, weil er allzuoft missbraucht wurde. Wie könnte man also eine positive Vision von Verpflichtung aufstellen?

Der CosmoErotic Humanism antwortet darauf, dass, wenn die folgenden fünf Punkte erfüllt sind, gibt es eine Verpflichtung:

  1. Es gibt ein Bedürfnis.

  2. Es ist ein authentisches Bedürfnis.

  3. Du bist in der Lage dieses Bedürfnis zu erkennen.

  4. Du bist in der Lage dieses Bedürfnis zu erfüllen.

  5. Du bist der einzige, der in diesem Moment (in dieser Situation) in der Lage ist, das Bedürfnis zu erfüllen.

All diese Punkte sind in dem oben beschriebenen Szenario der Fall.

Was hat das mit dem zu tun, was wirklich meins ist zu tun?

Du ahnst es wahrscheinlich schon.

Was Deins ist zu tun ist genau das:

  1. Es gibt in der Welt - in deinem Umfeld - ein Bedürfnis.

  2. Es ist ein authentisches Bedürfnis.

  3. Du bist in der Lage dieses Bedürfnis zu erkennen.

  4. Du bist in der Lage dieses Bedürfnis zu erfüllen.

  5. Du bist der einzige, der in diesem Moment in der Lage ist, das Bedürfnis zu erfüllen.

Letzteres heißt natürlich nicht, dass Du auf der ganzen Welt der einzige bist, der die Fähigkeit dazu hätte. Es reicht, wenn Du es in diesem konkreten Kontext bist. Oder vielleicht machst Du es auf eine einzigartige Weise, die hier genau gebraucht wird.

Insgesamt hat das etwas damit zu tun, dass wir alle einzigartige Ausdrucksformen des Einen sind - wir nennen das auch "Unique Self"[1]. Und das heißt auch, dass wir so etwas wie Puzzlestücke sind, die genau so, wie wir sind, das größere Puzzle der gesamten Realität vervollständigen (und es sogar weiter entwickeln können). Und genau dafür werden wir gebraucht.

Das sind genau die Aspekte, wo die Klärung des eigenen Desires besonders tricky sein kann. Ich persönlich habe mich schon oft dabei ausgetrickst. Erst in letzter Zeit hat sich da noch einmal etwas ganz tief für mich geklärt. Und hier könnte ich jetzt noch Stunden weiter schreiben.

Grenzen

Viele engagierte Menschen sehen sehr viele Bedürfnisse. Manchmal überall. Und sie haben auch viele Fähigkeiten. Wo ziehst du die Grenze? Wann ist es wirklich „mein“ Moment und wann ist es nur mein altes Muster, gebraucht werden zu wollen? Diese Unterscheidung scheint mir sehr fein zu sein.

Das sind eigentlich ein paar Fragen in einer (clever 😈😇), also sind hier ein paar verschiedene Antwortversuche:

  • Bedürfnisse gibt es viele. Aber selten sind wir gerade die einzigen, die dieses Bedürfnis erfüllen können.

  • Mit alten Mustern zu arbeiten ist aus meiner Erfahrung etwas, das nie aufhört. Und da geht es nicht darum, es richtig zu machen, sondern seine Wahrnehmung für sich selbst und die Situation und die anderen Menschen immer mehr zu verfeinern. Und allein dazu könnte ich ganze Bände füllen.

  • Manchmal hat schon das Sehen von Bedürfnissen überall damit zu tun, dass wir unsere eigenen Grenzen nicht klar haben. So war das jedenfalls bei mir lange. Und das wäre nochmal ein ganz eigener Post, darüber zu schreiben.

  • Es gibt natürlich ganz besondere Momente - wenn beispielsweise ein Baby auf Deiner Türschwelle liegt und es kalt ist und sonst ist niemand da. In solchen Momenten ist es, glaube ich, völlig klar, was Deins ist zu tun, und das hat nichts damit zu tun, ob Du da besondere Fähigkeiten hast oder nicht.

  • In allen anderen Momenten gilt das nicht. Da gibt es eine gewisse Freiheit.

  • Doch am Ende des Tages kann ich nicht in allen Bereichen Meisterschaft erlangen. Wenn ich das versuche, erreiche ich sie nirgends. Und das heißt dann eben auch, dass ich hinter dem zurückbleibe, was ich wirklich beitragen könnte.

  • Und das ist etwas, das - wie mir scheint - fast verloren gegangen ist. Die Fähigkeit wirklich an einer Stelle in die Tiefe zu gehen. Dabei zu bleiben und die Arbeit zu machen. Und wirkliche Meisterschaft in etwas zu erlangen - und sei es auch in noch so einem kleinem Bereich. (Sobald wir in einem Bereich in der Tiefe sind, so weitet sich der Bereich dann von selbst etwas aus.)

  • Da ich selbst eher ein Generalist bin als ein Experte, habe ich lange damit gerungen, was das wirklich heißt in einem Bereich in die Tiefe zu gehen. Doch auch mein Generalist-Sein lebe ich eben in einem spezifischen Bereich. Und ich bringe genau dort die verschiedenen Aspekte in einen Zusammenhang miteinander und integriere sie in ein größeres Ganzes (auch das ein erotischer Akt[2] 😍😇). Und genau das ist meine besondere Expertise.

  • Inzwischen kann ich deutlich sehen, dass es Dinge gibt, die eben nur ich so tun kann, wie ich es kann, und das war natürlich ein langer Prozess dahin zu kommen, während es andere Dinge gibt, die ich zwar auch kann, die aber andere auch können - und einige können es wahrscheinlich sogar besser als ich.

  • Und genau das ist mit dem Puzzle-Stück Gleichnis gemeint. Da gibt es einen Platz wo das Teil hinpasst. Und der ist einzigartig. Es geht also nicht darum, zu versuchen, sich diese merkwürdigen Ausbuchtungen abzuschleifen und quasi rund zu werden, so wie wir denken, dass alle anderen sind, sondern genau unsere Besonderheiten zu kultivieren und sie dann einzubringen.

Du fragst:

Kann ein Puzzlestück auch mal ruhen? Oder sich neu formen? Vielleicht ist es nicht nur wichtig, das richtige Feld zu finden, sondern auch Zeiten zu haben, in denen man nicht eingesetzt ist.

Ja, klar, da setzt wieder die gute Regel an, dass ich zuerst mein eigenes Gefäß zu füllen haben, um dann aus dem Überfluss zu geben. Natürlich kann es mal Notsituationen geben, wo das nicht möglich ist (siehe das Bespiel oben mit dem Baby). Aber genau darum ist es so wichtig, in relativen Ruhezeiten, darauf zu achten, das eigene Gefäß zu füllen.

Und wenn ich mir ein Puzzle-Stück so anschaue, so scheint es eigentlich meistens einfach nur da zu ruhen und sich in das Puzzle hinein zu entspannen... Aber vielleicht sieht das ja nur so auch. 🙃

Du schreibst:

Mich berührt besonders dein Satz, dass du dich selbst schon oft ausgetrickst hast. Das macht es ehrlich. Vielleicht gehört das sogar dazu. Dass wir immer wieder glauben, wir handeln aus Desire, und später merken, es war doch eher Angst oder Anerkennungswunsch. Und dass genau dieses Erkennen Teil der Klärung ist.

Ja, auf jeden Fall.

Genau das ist Teil der Klärung. Und oft auch eine Einladung dazu sich die eigenen Muster anzuschauen. Ich hole mir dann auch immer mal wieder gezielt eine Unterstützung dafür.

Einer meiner Lieblingssätze lautet: Wir können immer nur Fehler in die richtige Richtung machen. Und jeder Umweg ist Teil meiner Bestimmung.

Auch wenn uns dieser Weg immer wieder herausfordert, tiefer zu gehen, so ist er doch das Gegenteil von Perfektionismus.

Du fragst:

Mich würde noch etwas interessieren: Wenn du merkst, dass du dich gerade ausgetrickst hast – wie gehst du dann mit dir um? Mit Härte? Mit Humor? Mit Traurigkeit? Vielleicht liegt genau dort der Kern, ob Eros lebendig bleibt oder wieder in Kontrolle kippt.

Fünfzig Schläge mit dem nassen Aufnehmer 🤣

Aber im Ernst:

Eins meiner Muster war früher, mir mit Härte zu begegnen. Und genau das war das, was mich am meisten zurückgehalten hat.

Inzwischen habe ich gelernt, mir (meistens) mit Freundlichkeit zu begegnen. Und das ist vielleicht die wichtigste Lektion von allen, ohne die alle anderen nicht funktionieren.

Wenn wir versuchen Eros mit denselben Methoden zu lernen, wie wir es sonst gewöhnt sind mit uns selbst umzugehen, so brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es nicht Eros ist, der in unser System kommt. Da können wir dann jahrelang praktizieren, meditieren, kontemplieren und Meister-Yogis werden - oder was immer unser Weg ist - und statt Eros erleben wir immer mehr Kontrolle, Härte und vielleicht sogar Neid.

Deshalb ist Deine Frage nach den Körperempfindungen und Gefühlen so wichtig. Wenn es sich nicht nach Eros anfühlt ist es wahrscheinlich keiner. Und dabei ist vor allem der Nachgeschmack wichtig. Im Moment selber kann man gerade Pseudo-Eros und Eros manchmal nicht so leicht unterscheiden. Im Nachgeschmack wird es klar. (Und manchmal kann man sich den Nachgeschmack schon vorher vorstellen.)

Und wenn wir uns doch mal vertan haben, so hilft keine Bestrafung und keine Kontrolle, sondern nur eine Rückkehr zu Eros - oder vielleicht gar eine Weiterentwicklung, weil wir in Wirklichkeit noch nie völlig da waren...

Fußnoten

[1] Siehe das Buch Your Unique Self: The Radical Path to Personal Enlightenment von Dr. Marc Gafni.

[2] Eros ist im CosmoErotic Humanism definiert als „die Erfahrung von radikaler Lebendigkeit , die nach immer tieferem Kontakt und einer immer größer werdenden Ganzheit strebt (sich danach sehnt, es begehrt, dorthin wächst, es verwirklicht) – eine Ganzheit, die selbst ein neuer Wert ist.“ Siehe Temple, David J., First Principles and First Values: Forty-Two Propositions on CosmoErotic Humanism, the Meta-Crisis, and the World to Come, World Philosophy and Religion Press, second edition, March 2025.

 
 
 

Kommentare


bottom of page